Buchstaben-Nudeln

Die Idee, die hinter dem Begriff netzwrk und meinem Twitter-Namen steckt, ist auch meine Lebensphilosophie. Auf den Punkt bringt es folgende Frage: Was nehme ich aus dem natürlichen Netzwerk des Lebens und was gebe ich dafür? Dabei ist es wichtig, in Taten und Worten einige Grenzen zu setzen, andere hingegen zu überwinden. Das realisiere ich durch meine Ernährung und Sprache. Ich versuche, mir möglichst wenig von dem einzuverleiben oder zu verwenden, was der Erde nichts zurückgibt. Symbolisch ausgedrückt: Ich nehme möglichst kein -e- aus dem natürlichen Netzwerk des Lebens, wenn ich nicht wieder etwas dafür geben kann.

Einen Buchstaben an einer gewissen Stelle zu meiden, oder einen ganzen Roman ohne einen bestimmten Buchstaben zu verfassen, ist alt, sehr alt sogar. Im 6. Jahrhundert vor unserer Zeit wurde für die griechische Göttin Demeter ein feierlicher Gesang komponiert, völlig ohne [stimmloses] s. Dieser Laut wurde zu jener Zeit als unästhetisch empfunden und war wohl nicht passend innerhalb einer Huldigung jener Göttin, die in der griechischen Mythologie für die Grundlage des Lebens verantwortlich ist: Demeter sorgt darin für die Jahreszeiten und Fruchtbarkeit der Erde. Die literarische Form, einen Buchstaben zu meiden, zeigt sprachliche Grenzen auf, und erschließt neue Klänge sowie Denkweisen. Das symbolisiert, wie durch Reduktion neue Fülle entstehen kann. Gerade bei der Grundlage unseres Lebens, der Ernährung, sorgt diese Struktur für Nachhaltigkeit: Wenn wir sparsam mit den Ressourcen umgehen, können wir nachhaltig gesund sein. Das kann ins Netzwerk der Natur eingeschrieben werden. Verschwendung und Künstlichkeit hingegen erzeugen Ungleichgewicht und Krankheit.

Die Grundlage des Lebens ist ein Netzwerk, das Netzwerk der Natur. Es ist in sich selbst geschlossen und vollständig. Das Werk des Menschen hingegen ist unvollständig. Das ist auch gut so, denn Kunst lebt aus der Veränderung. Doch in Sachen Ernährung ist Kunst nur gesund, wenn sie sich der Natur annähert. Damit das Wirken des Menschen ein natürliches und annähernd vollständiges Kunstwerk erzeugt, muss regional und von der Wurzel an gedacht werden, um anschließend durch das globale Netzwerk die Gesundheit nachhaltig zu sichern.

Ich halte es dabei für wichtig, folgendes Zitat von Christoph Niemann (aus einem Interview mit der 3SAT-Kulturzeit) im Hinterkopf zu behalten: “In solch einer verzahnten Welt ist es schwierig, völlig ganzheitlich und rein zu bleiben!” Ein schlechtes Gewissen, Ängste oder Dogmatismus liegen nahe, wenn es um ideelle Werte geht. Niemand kann ganzheitlich und rein sein. Wer sich das eingesteht, kann gesundes Verantwortungsbewusstsein entwickeln, und seinem netzwrk nach und nach das geben, was ihm gut tut.